Alles unter Kontrolle?! Stimmen zur digitalen Identität vom telegraphen_special

Führe ich eigentlich ein Doppelleben, eins im Netz mit meiner „digitalen“ Identität und eins in der Realität mit meiner „echten“? Und habe ich über meine digitale Identität die gleiche Kontrolle wie über meine reale? Blicke ich auf meine eigenen Accounts im Social Web, so würde ich sagen, ich habe Kontrolle darüber, wie ich mich dort präsentiere. Wie die Luisa Vollmar da draußen so ist. Und ich hätte auch die Möglichkeit, eine andere Luisa Vollmar zu kreieren. Tu ich nicht. Ich führe also kein Doppelleben. Wenn ich ein schönes Foto aus dem Italienurlaub poste, dann war ich da auch. Und wenn ich vermerke, dass ich bei der Telekom arbeite, dann tu ich das auch. Andere aber vielleicht nicht. Die basteln sich einen zweite Identität im Netz, um dort jemand sein zu können, der sie sonst nicht sind. Geht auch – noch?!

Aber wird das auch mit fortschreitender Digitalisierung so sein? Wenn die Behördengänge sich immer mehr ins Netz verlagern und meine Krankenakte auch, was bedeutet das für meine Digitale Identität?

Das haben wir uns beim telegraphen_special zum Thema „Homo Digitalis“ gefragt. Diesmal auf der CeBIT in Hannover, gemeinsam mit dem Meinungs- und Debattenmagazin The European.

Jimmy Schulz, FDP-Bundestagsabgenordneter und Obmann der Internet Enquête, fragt sich in der Tat, ob wir überhaupt eine Chance haben, diese immer weiter wachsende Datenflut unter Kontrolle zu halten und zu schützen. Darum bezweifelt er auch, dass der digitale Radiergummi technisch machbar ist – also die Möglichkeit, Daten wieder dauerhaft und sicher aus dem Netz zu entfernen. Dennoch fährt die Identität bei im zweigleisig. „Die digitale Identität ist eine zweite Identität“, meint Schulz, auch wenn sie die echte Persönlichkeit präge. Ganz anderer Meinung ist Caspar Clemens Mierau, Medientheoretiker und Post-Privacy-Aktivist. Er sieht keine Unterscheidung zwischen digitaler und echter Identität. Den Menschen gebe es gar nicht ohne Medien, denn immer wenn Menschen kommunizieren, seien Medien im Spiel. So stößt sich Mierau auch am Wort Kontrolle: Die Menschen verhielten sich, als gehe es um einen Korb mit Äpfeln, aus dem ihnen die Äpfel geklaut würden. „Die Daten über die wir sprechen, entstehen doch direkt im Netz. Vorher gab es sie nicht“, sagte Mierau. „Das ganze Thema Datenschutz ist überhaupt eine deutsche Erfindung, eine politisch korrekte Entwicklung in Deutschland“. Eine ethisch-moralische Debatte, die es in anderen Ländern nicht gebe. Dort existiere noch nicht einmal ein Wort für Datenschutz.

Auch Dr. Stephan G. Humer, Internetsoziologe, sieht keine scharfe Trennung zwischen digitaler und echter Identität. Die Digitalisierung wirke sich immer mehr auf die Identität aus. Doch die Diskussionen blieben oft zu sehr an der Oberfläche, so Humer. Es gehe zu sehr darum, wie man Social-Media-Plattformen verwende, und welche Knöpfe man drücke. Man müsse mehr in die Tiefe gehen. Die Frage ist laut Humer: „Was macht den Menschen im Innersten aus?“ Er sei mehr als User und Passwort. Dafür sei Aufklärung mit Blick auf Grundlagen wichtig, dann könne Digitalisierung verstanden werden. Der für Humer „einzig gangbare Weg ist Medienkompetenz“. Jimmy Schulz pflichtete ihm bei. Er plädiert für ein Schulfach „Medienkompetenz“. Das Thema habe die Enquete Kommission auch auf der Agenda. Fragen aus dem Publikum nach einer Finanzierung dieser Idee begegnete er mit optimistischen Beispielen, in denen teilweise Schüler freiwillig anderen Jungendlichen das Thema näherbringen.

Der Frage ob man nun wirklich zum Informatiker werden müsse, um den richtigen Umgang mit der digitalen Identität zu lernen, begegnete Humer mit einem schönen Beispiel: „Ich muss lernen, wie ein Auto funktioniert, um fahren zu können. Ich muss es aber nicht reparieren können.“ Je mehr Verständnis beim Thema Digitalisierung herrsche, desto mehr sei der Nutzer in der Lage, seine eigene digitale Identität aktiv zu gestalten. Zusätzlich müsse er natürlich Kontrolle über seine Daten haben. Schulz sagte: „Der User muss Herrscher über seine Daten bleiben“. Und da sieht er auch Möglichkeiten beim Staat. Der kann auch unterstützen, Transparenz herzustellen. Komplett schützen kann man den Nutzer aber vor Dummheit nicht. Wer alles preisgeben möchte, der kann das auch tun.

Mag die Identität vielleicht gar nicht eine echte und eine digitale Facette haben, so hat das Thema doch sehr viele. Das ist mir in der Diskussion klar geworden. Datenschutz, Medienkompetenz und Userkontrolle sind Themen, mit denen ich mich auseinandersetzen muss, je weiter die Digitalisierung voranschreitet und sich der digitale Anteil meiner Identität ausweitet. Am besten klemme ich mich selbst dahinter, die Hintergründe zu verstehen und für mich zu entscheiden, wie aktiv ich mein digitales Alter Ego mit gestalten kann.

Kommentare (1)

  1. Pingback: Brennpunkt Digitale Identität | The European Blog

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